Im Land der Forschung

Forschung wird in Schottland als wesentliches Element der wirtschaftlichen Entwicklung und als Instrument zur Verbesserung der Umwelt- und Lebensbedingungen der Menschen betrachtet. Zudem soll der gesamten Region so eine entsprechende internationale Wettbewerbsfähigkeit ermöglicht werden.
In den vergangenen Tagen habe ich mich in Großbritannien aufgehalten – um genau zu sein in Schottland. Anlass meines Besuches war eine Delegation des Ausschusses für Industrie, Energie und Forschung des Europäischen Parlaments, an der ich teilgenommen habe. Wir wollten Forschungseinrichtungen und Universitäten im Norden Großbritanniens besichtigen.

Wissenschaftsstandort

In Edinburgh trafen wir mit Vertretern der Royal Society zusammen, vergleichbar mit der Akademie der Wissenschaft. Diese haben schon bei der ersten Begegnung den Eindruck eines äußerst engagierten Wissenschaftsbetriebes gemacht, der sich den Herausforderungen des internationalen Wettbewerbs stellt. So gibt es etwa eine enge Kooperation mit chinesischen Universitäten.
Die Professoren, Rektoren und übrigen Vertreter der Universitäten fokussieren stark auf europäische Forschungsprogramme und zeigen sich hier sehr interessiert. Zugleich hörten wir aber während unseres gesamten Aufenthaltes immer wieder Kritik am Bürokratismus und den umständlichen Verfahren zur Erlangung von Forschungsmitteln der Europäischen Union.

„Dolly“, das geklonte Schaf

Donnerstag früh besuchten wir das Roslin Research Institute, das sich schwerpunktmäßig mit der Forschung im Agrarbereich, beispielsweise mit Pflanzen- und Tierzucht, beschäftigt. Bekannt wurde dieses Institut durch das Klonen eines Schafes. „Dolly“ hat für weltweite Schlagzeilen gesorgt, ist allerdings inzwischen gestorben. Aber es gibt Nachfahren dieses Schafes, die wir bei unserem Besuch gesehen haben.
Heute wird am Roslin Institute nicht mehr geklont. Das Klonen ist nach Meinung der Wissenschaftler an diesem Institut mit unzähligen Fehlern und Problemen behaftet. Allerdings wird die Frage der genetischen Veränderung von Saatgut oder Tieren behandelt, insbesondere auch im Interesse der Gewinnung von bestimmten Stoffen für die Pharmaindustrie. So ist es beispielsweise durch genetische Veränderung möglich, Schafe zu „produzieren“, in deren Milch auf „natürliche Art und Weise“ zu hohen Anteilen ein Stoff enthalten ist, der von großem medizinischen Interesse für Bluter ist.

Keine Monsterproduktion

Es war wichtig zu sehen, dass man gerade an diesem Institut mit enormer Verantwortung an das Thema herangeht. Die ethnischen wie ökonomischen Aspekte der genetischen Forschung werden hier stark mitberücksichtigt.
Weder sind dort Monster tätig, noch versucht man, Monster zu erzeugen bzw. zu produzieren. Dennoch besteht zweifellos ein Drang, in neue Bereiche der genetischen Forschung und Entwicklung vorzudringen.

Universität Dundee

Auf ein ähnlich engagiertes Team trafen wir an der Universität Dundee. Auch diese Universität hat in den vergangenen Jahren massiv expandiert. Der Forschungsschwerpunkt liegt hier bei den „life sciencies“, also der Natur- und Umweltwissenschaften. Die Universität hat außerdem mit ihren Forschern und durch ihre Forschungsergebnisse selbst neue kleine Firmen gegründet. Durch die Gründung dieser Firmen, die ebenfalls in Richtung Pharmaindustrie arbeiten und agieren, konnten zusätzliche Einnahmen lukriert werden.
Universitäten wie jene in Dundee leben von nationalen Unterstützungen, in bestimmten Projekten von europäischen Forschungsgeldern und von eigenen Einnahmen durch Unternehmen, die sie selbst gegründet haben und von denen sie zumindest Anteile besitzen sowie schließlich von Auftragsforschung, etwa aus der Pharmaindustrie.

Universität St. Andrews

Als nächstes stand ein Besuch an der Universität St. Andrews auf dem Programm, der ältesten Universität Schottlands. Auch hier bilden die life sciencies einen Forschungsschwerpunkt, aber auch die Ökonomie steht im Mittelpunkt. Es wurden uns zahlreiche Projekte präsentiert.
Ein Projekt widmet sich beispielsweise dem Leben von Meerestieren. Dabei werden die Umweltbedingungen in den verschiedenen Meeren ebenso überprüft wie das Verhalten und die Reaktionen der Tiere auf veränderte Umweltbedingungen. Ein anderes Projekt konzentriert sich auf Laserstrahlen, mit denen man Zellen in ihrer inneren Struktur verändern kann. Dadurch wird es möglich, durch die Einwirkung von Licht Veränderungen in einem Supermini-Bereich vorzunehmen – einmal mehr im medizinischen Interesse.

Scotish Crop Research Institutes

Insgesamt bekamen wir den Eindruck, dass man in allen jenen Instituten und Universitäten, die wir in der Region besucht haben, Forschung einerseits als ein sehr wesentliches Element der wirtschaftlichen Entwicklung betrachtet und auch als Mittel, um die Umwelt- und Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Andererseits ist augenscheinlich, dass man ganz bewusst einen Forschungsschwerpunkt setzt, um der gesamten Region eine entsprechende internationale Wettbewerbsfähigkeit zu ermöglichen.
Das wurde auch beim Besuch des Scotish Crop Research Institutes deutlich. Dieses beschäftigt sich mit Saatgut und untersucht vor allem die Umweltauswirkungen gentechnisch veränderten Planzenanbaus. Es werden zudem wichtige Erkenntnisse über die Koexistenz von gentechnisch verändertem und von nicht gentechnisch verändertem Saatgut erforscht.

Schulbeispiel für Österreich

Gerade erst gestern wurde, wie zu erwarten war, die Entscheidung Oberösterreichs zur Ausrufung einer gentechnikfreien Zone vom Europäischen Gerichtshof abgelehnt und die EU-Kommission wurde in ihrer Kritik an diesem Vorhaben bestätigt.
Das beweist einmal mehr, dass es völlig unsinnig ist, Dinge zu tun, die dem rechtlichen Rahmen der Europäischen Union eindeutig widersprechen. Man hätte sich stattdessen an die Möglichkeit halten sollen, die Koexistenz im Lande so zu regeln, dass etwaige negative Auswirkungen gentechnisch veränderten Saatgutes – das ohnedies kaum angewendet wird – möglichst verhindert werden.

Wellenkraftwerk auf der Insel Islay

Am Freitag besuchten wir ein Wellenkraftwerk auf der Insel Islay. Dort wird durch die an Land gehenden Wellen Luft in eine Kabine gedrückt, beim Zurückweichen der Wellen ins Meer wird die Luft durch Turbinen wieder zurückgesaugt und auf diese Weise kann – in Abhängigkeit zur Stärke der Wellen – Strom erzeugt werden.
Es handelt sich um ein Versuchskraftwerk, das den so erzeugten Strom in das Netz der Insel einspeist. Auch wenn dieses Projekt noch nicht sehr ausgereift ist, so hat doch zumindest das Interesse von Siemens-Voit geweckt. Das Unternehmen hat die Firma, die das Kraftwerk betreibt, bereits aufgekauft.
Im Rahmen unseres Aufenthaltes besichtigten wir auch einige Whiskey-Destillerien. Whiskey ist bekanntlich eines der wichtigsten Exportgüter Schottlands. Am Sonntag soll es nun schließlich nach London gehen.

Edinburgh, 9.10.2005