Tiefe Wunden der Geschichte

Nichts wird besser, wenn man Hass oder Rache predigt. Wir wollen im Gegenteil verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt.
Am Mittwoch ging es für mich weiter nach Zagreb. Mein Aufenthalt dort war zweigeteilt.

Medienrummel

Einerseits kam ich im Rahmen der Delegation des Europäischen Parlamentes gemeinsam mit einigen KollegInnen und andererseits war ich als Kroatien-Berichterstatter zu Besuch im Osten der Republik. In meiner Funktion als Berichterstatter bin ich in einem Ausmaß im Mittelpunkt des medialen Interesses gestanden, wie ich es bisher noch nie erlebt habe.
Das ist zweifellos auch auf meine Aussagen vor einigen Wochen in einem Interview mit der Zeitung „Die Presse“ zurückzuführen. Ich sagte damals, dass aus heutiger Sicht lediglich eine 20%ige bis 30%ige Chance besteht, dass Kroatien noch Ende des Jahres die Verhandlungen abschließen kann und das Europäische Parlament noch vor seiner mit den Wahlen im Juni 2009 zusammenhängenden Arbeitsunterbrechung dem Vertrag zustimmen kann – denn das ist Vorraussetzung für die Ratifizierung in allen 27 Parlamenten.

Streitpunkt Fischerei

Ich führte in Kroatien Gespräche mit dem Premierminister, dem Staatspräsidenten, dem Außenminister, der Ministerin für Justiz, dem Generalstaatsanwalt, dem Parlamentspräsidenten, der Parlamentsdelegation und -opposition, etc. Diese Gespräche haben einen Einblick in die bestehenden Probleme gegeben. Dabei stand vor allem das Verhältnis zu Slowenien immer wieder im Mittelpunkt. Slowenien weigert sich bekanntlich, bestimmte Kapitel, vor allem das Fischereikapitel, zu verhandeln. Diese Weigerung fällt in Kroatien sehr negativ auf. Allerdings muss man dazusagen, dass Kroatien eine ökologische Fischereizone verhängt hat, ohne mit den Nachbarn zu reden, obwohl es eine schriftliche Zusage über entsprechende Vorgespräche gibt.
Diese Vorgangsweise ist unangenehm. Wie ich höre, fiel der diesbezügliche Parlamentsbeschluss allerdings zu einem Zeitpunkt, als die Abgeordneten nicht informiert waren, dass die Regierung eine Zusage über Gespräche gegeben hat. Formal gesehen ist Slowenien zweifellos im Recht. Trotzdem muss man versuchen, einen entsprechenden Kompromiss zu finden. Ich selbst habe in Kroatien immer wieder betont, dass man in dieser Frage einen ersten Schritt setzen muss und den Slowenen signalisiert, Kroatien dabei zu unterstützen, ohne dass jemand sein Gesicht dabei verliert.

Enttäuschende Justizministerin

Zusätzlich zu den unzähligen Journalistenfragen hat man mich diesmal auch gedrängt, an einer Fernsehdiskussion teilzunehmen, die frei übersetzt den Titel „Offen gesagt“ trägt. Vor zwei Wochen war ich von Brüssel aus bereits einmal zu dieser Sendung zugeschaltet worden. Diesmal war ich der einzige im Studio Anwesende, und zugeschaltet waren der slowenische sozialdemokratische Abgeordnete Boris Pahor und ein kroatischer Korrespondent aus Brüssel.
Auch bei dieser Diskussion ging es um das Verhältnis zu Slowenien sowie vor allem um die wichtigen Fragen der Justizreform. In diesem Punkt ist noch sehr viel zu tun. Ich bin auch ein wenig enttäuscht von der Justizministerin. Mein Gespräch mit ihr ist nicht optimal gelaufen. In manchen Fragen, vor allem beim Zeugenschutz im Zusammenhang mit den Kriegsverbrecherprozessen war sie entweder nicht voll informiert oder wollte nicht alles sagen, was zu sagen gewesen wäre.

Unfassbare Gräueltaten

Heute fuhren wir dann um fünf Uhr Früh los nach Vukovar und Osijek, um dort den ersten Termin um acht Uhr einhalten zu können, bei dem ich an jenem Mahnmal, das für die Gräueltaten der Serben an den Kroaten errichtet worden ist, Blumen niederlegte. Vukovar war einmal eine äußerst pittoreske, barocke, an der Donau gelegene Stadt, die von den Serben massiv zerstört worden ist. Auch die Kroaten haben serbische Einrichtungen, wie zum Beispiel eine Kirche, die wir besuchten, in Brand gesetzt. Vukovar war also in einem überdurchschnittlich hohen Ausmaß vom Jugoslawienkrieg betroffen.
Am schlimmsten und unfassbarsten dabei ist die Tatsache, dass serbische Einheiten über 200 Menschen aus einem Krankenhaus in ein Lagerhaus getrieben, sie dort ermordet und schließlich verscharrt haben. An ebendieser Stelle wurde eine schlichte, aber dennoch sehr beeindruckende Erinnerungsstätte geschaffen, an deren Außenfassade ich eben Blumen niedergelegt habe. Auch bei dieser Gelegenheit habe ich den anwesenden Journalisten und Fernesehreportern mitgeteilt, dass ich den Opfern dieses sinnlosen Krieges und dieser unwahrscheinlichen Aggression Tribut zollen möchte. Ich habe dabei aber bewusst versucht zu vermeiden, „die Serben“ verantwortlich zu machen. Es waren nicht die Serben generell, sondern serbische Einheiten, die entsprechend brutal gemordet haben. Und diese Brutalität ist nicht so leicht zu vergessen.

Zukunftsorientiert

Umso mehr war ich positiv überrascht, dass heute wieder wichtige Elemente der Zusammenarbeit zwischen der Mehrheit und den Minderheiten entstanden sind und es auch einen stellvertretenden Bürgermeister gibt, der Serbe ist. Das Gespräch mit ebendiesem Präfekt Supan und der Bürgermeisterin waren in diesem Sinn extrem positiv. Beide haben die Zukunftsperspektiven und die wirtschaftliche Entwicklung betont, ebenso wie die Reformen in der Landwirtschaft oder die Errichtung von Colleges, um vor allem der Jugend neue Chancen zu eröffnen.
Auch im Anschluss an dieses Treffen fand ein Pressegespräch statt, an dem über 30 JournalistInnen teilnahmen. Ich wurde gefragt, warum wir in derart großem Ausmaß um die Minderheiten kümmern, nach allem, was passiert sei. Meine Antwort war relativ simpel: Nichts wird besser, wenn man Hass oder Rache predigt. Wir wollen im Gegenteil verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt. Man muss eine andere Gesellschaft, ein anderes Europa aufbauen, um derartige Untaten, die Anfang der 90er Jahre – also vor nicht einmal 20 Jahren passiert sind – zu verunmöglichen.

Eine neue Generation

Großen Eindruck hat bei mir in diesem Sinn auch mein Besuch im Gymnasium von Vukovar hinterlassen. KroatInnen und SerbInnen besuchen hier gemeinsam eine Schule, wenn sie auch in getrennten Klassenräumen sitzen. Zumindest während meines Besuches saßen einige von ihnen gemeinsam in einem Klassenraum und diskutierten mit mir über Europa. Ich war überrascht und beeindruckt von ihren Kenntnissen. Diese SchülerInnen haben für ihr Alter ein exzellentes Englisch gesprochen und hatten ein großes Detailwissen über Europa. Hier wächst also bereits eine andere Generation heran – auch wenn es nach wie vor gewisse Vorurteile gegenüber der jeweils anderen Volksgruppe gibt.
Während ich mit den jungen Menschen über Europa diskutierte, warf ich einen Blick aus dem Klassenzimmer auf die Donau – jene Donau, an deren Flusslauf ich in Bad Deutsch Altenburg zur Welt gekommen bin und die ich immer wieder in Wien aufsuche. Die Donau stellt eine enge Verbindung zwischen dieser kritischen Region, auf deren einen Seite Kroatien und auf deren anderen Seite Serbien liegt und meiner eigenen Heimat dar. Die Niederländer haben einen Fährdienst zwischen diesen beiden Seiten eingerichtet und so wird der Kontakt in dieser kritischen Region wieder hergestellt. In der Mitte des Flusses liegt eine Insel, die von beiden Seiten besucht und zum Baden genutzt wird.

Vukovar, 7.2.2008